Warum glauben wir, dass wir gewinnen? Die spieltheoretische Erklärung für menschlichen Überoptimismus

Warum glauben wir, dass wir gewinnen? Die spieltheoretische Erklärung für menschlichen Überoptimismus

Warum sind wir so überzeugt, dass wir gewinnen können – selbst wenn die Statistik eindeutig gegen uns spricht? Ob beim Lotto, beim Online-Poker oder beim Sportwetten: Viele Deutsche überschätzen regelmäßig ihre Chancen und unterschätzen das Risiko. Die Spieltheorie, ursprünglich entwickelt, um strategische Entscheidungen in Wirtschaft und Politik zu analysieren, kann uns helfen zu verstehen, warum wir so oft zu optimistisch sind.
Wenn wir glauben, besser zu spielen als der Durchschnitt
Ein bekanntes psychologisches Phänomen ist der sogenannte „Better-than-average“-Effekt. Die meisten Menschen halten sich in vielen Bereichen für überdurchschnittlich – sei es beim Autofahren, bei der Intelligenz oder beim Kartenspielen. In Glücksspielen führt diese Selbstüberschätzung dazu, dass wir unsere Kontrolle über den Ausgang überschätzen.
Aus spieltheoretischer Sicht bedeutet das, dass wir unsere strategische Position falsch einschätzen. Wir glauben, unsere Entscheidungen hätten mehr Einfluss auf das Ergebnis, als sie tatsächlich haben. In Wahrheit sind viele Spiele so gestaltet, dass Zufall und Wahrscheinlichkeiten dominieren – doch unser Gehirn tut sich schwer damit, reinen Zufall als Erklärung zu akzeptieren.
Die Illusion der Kontrolle
Ein weiterer zentraler Begriff ist die Kontrollillusion – der Glaube, wir könnten Ergebnisse beeinflussen, die in Wirklichkeit zufällig sind. Wenn wir etwa unsere eigenen Lottozahlen auswählen oder beim Spielautomaten im „richtigen Moment“ den Knopf drücken, fühlt es sich an, als hätten wir Einfluss. Spieltheoretisch betrachtet verändert diese Illusion unser Verhalten: Wir werden risikofreudiger, weil wir glauben, das Risiko im Griff zu haben.
In spieltheoretischen Modellen handeln wir dann so, als verfügten wir über mehr Information oder Macht, als tatsächlich vorhanden ist. Das führt zu Entscheidungen, die aus unserer subjektiven Sicht rational erscheinen – objektiv betrachtet aber irrational sind.
Überoptimismus als evolutionäre Strategie
Überoptimismus kann uns zwar im Spiel Geld kosten, doch er hat auch eine evolutionäre Funktion. Forschungen in Verhaltensökonomie und Spieltheorie zeigen, dass ein gewisses Maß an Optimismus Motivation und Durchhaltevermögen stärkt. Würden wir Risiken immer völlig nüchtern bewerten, würden wir viele Chancen gar nicht erst ergreifen – und damit auch mögliche Gewinne verpassen.
In spieltheoretischen Begriffen kann man sagen, dass Überoptimismus manchmal als strategische Verzerrung wirkt: Er bringt uns dazu zu handeln, wo eine realistischere Einschätzung zu Passivität führen würde. Das kann vorteilhaft sein, wenn Handeln die Erfolgschancen erhöht – aber nachteilig, wenn der Ausgang rein vom Zufall abhängt.
Wenn Spieltheorie auf Psychologie trifft
Die klassische Spieltheorie geht davon aus, dass Menschen rational handeln und ihren Nutzen maximieren. In der Realität aber werden unsere Entscheidungen von Emotionen, Hoffnungen und Gewohnheiten beeinflusst. Deshalb hat sich die moderne Spieltheorie weiterentwickelt und integriert heute verhaltensökonomische Ansätze, die menschliche Irrationalität berücksichtigen.
Ein bekanntes Beispiel ist die „Prospect Theory“ von Daniel Kahneman und Amos Tversky. Sie zeigt, dass wir Verluste stärker gewichten als Gewinne – gleichzeitig aber kleine Wahrscheinlichkeiten für große Gewinne überbewerten. Das erklärt, warum wir einerseits Angst haben, 10 Euro zu verlieren, und andererseits bereit sind, für ein Lottolos zu zahlen, obwohl die Gewinnchance verschwindend gering ist.
Können wir realistischer werden?
Die spieltheoretische Erklärung für Überoptimismus bedeutet nicht, dass wir aufhören sollten zu hoffen. Aber sie kann uns helfen, bewusster zu spielen – und zu leben. Wenn wir wissen, dass unser Gehirn dazu neigt, Kontrolle und Wahrscheinlichkeit zu überschätzen, können wir innehalten und fragen: Treffe ich hier eine strategische Entscheidung – oder folge ich nur einem Wunschdenken?
Vielleicht geht es nicht darum, Optimismus zu vermeiden, sondern ihn klug einzusetzen. In Spielen, in denen der Zufall regiert, sollten wir die Spannung genießen, ohne auf den Gewinn zu zählen. Im Leben außerhalb des Spiels kann dieselbe optimistische Haltung die Kraft sein, die uns antreibt, Neues zu wagen, Chancen zu ergreifen und an uns zu glauben – auch wenn die Chancen gegen uns stehen.













